Unterdrücken - drangsalieren - demütigen: In deutschen Schulen gehört Mobbing zum Alltag. Viele Schüler sind tagtäglich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Laut einer aktuellen Studie war nahezu jeder dritte Jugendliche schon einmal Opfer von Mobbing.
Der englische Begriff Mobbing kommt von "to mob": anpöbeln. Nicht jede Rangelei oder Streiterei ist gleich Mobbing. Von Mobbing spricht man, wenn ein Schüler oder eine Schülerin über einen längeren Zeitraum immer wieder zur Zielscheibe wird. Der Psychoterror hat viele Gesichter: Abpassen auf dem Schulweg, Ausgrenzen aus der Klassengemeinschaft, Androhung und Ausübung körperlicher Gewalt. Jungs fallen vorwiegend durch aggressives Verhalten auf, wie schlagen, schubsen, Sachen wegnehmen. Mädchen agieren eher subtil, sie lästern und streuen fiese Gerüchte. Allerdings lassen auch Mädchen mittlerweile immer häufiger die Fäuste sprechen.

"Dass Mobbing und Gewalt deutlich zugenommen haben, hängt mit dem Leistungsdruck und Stress zusammen", ist der Kinderpsychologe Dietmar Langer überzeugt. "Es handelt sich um eine subtile Form des Stressabbaus". Einen weiteren Grund sieht er auch darin, dass Kinder von den Eltern keine Grenzen mehr gesetzt bekommen. Besonders häufig tritt Mobbing während der Pubertät auf, da die Jugendlichen in diesem Alter ohnehin sehr instabil sind. Nach der Schulzeit verschwindet das Phänomen meist wieder.
Bei Mobbing geht es darum, das Opfer zu demütigen. Mobbing unter Schülern ist ein Gruppenphänomen, bei dem sich mehrere Kinder in der Klasse mit dem Täter assoziieren: Einige unterstützen den Täter verbal, manche zollen ihm offen Anerkennung, andere wollen einfach dazu gehören und laufen mit.

Ein Grund für Mobbing ist, sich in der Gruppe profilieren zu wollen. Häufig haben die Täter selbst Probleme in der Schule oder zu Hause. Viele haben in ihrer Familie erfahren, dass man mit Aggression zum Ziel kommt - insofern ist Mobbing auch als Familienphänomen zu verstehen. Dazu passt, dass Mobbing nicht zwischen gleichstarken Parteien stattfindet. Oft geraten Kinder ins Visier, die leicht verletzbar sind und in der Klasse ohnehin einen schwächeren Stand haben. Grundsätzlich kann es aber jeden treffen. Auch Schüler mit besonders guten schulischen Leistungen bieten sich als Zielscheibe an. Opfer sind letztlich vor allem die, die sich schlecht wehren können.
Da die Strukturen innerhalb der Klasse Nährboden für Mobbing sein können, ist es wichtig, dass Lehrer Schüler und Klassengefüge aufmerksam beobachten und auf Anzeichen sensibel reagieren. Dazu müssen sie entsprechend aus- und fortgebildet werden - viele sind schlichtweg überfordert mit dem Problem.
Mobbing ist für Außenstehende nicht einfach zu erkennen. Die Täter agieren oft versteckt oder spannen Dritte für ihre Zwecke ein, nach dem Motto: "Du bist mein bester Freund, wenn du den verprügelst!" Auf der anderen Seite erzählen die Betroffenen nur selten von ihren Ängsten - wer gibt schon gerne zu, der Schwächling zu sein. Typische Anzeichen sind Rückzug, vorgetäuschte Krankheiten, Schulverweigerung oder gar Suizidversuche. Wenn Eltern merken, dass sich das Kind schlecht konzentrieren kann, immer müde und angespannt ist und Ausreden erfindet, um nicht mehr in die Schule zu müssen, sollten sie nachfragen. Es kann auch sein, dass die Opfer plötzlich aggressiv auf die Eltern reagieren, ohne dass diese eine Ursache dafür ausmachen können.

Wenn das Kind sich öffnet, sollten die Eltern es erst einmal in Ruhe erzählen lassen, ohne mit vorschnellen Ratschlägen zu unterbrechen. Sprechen Sie Ihrem Kind dabei auf keinen Fall Schuld an der Situation zu. Das würde bedeuten, dass das Opfer selbst für den Konflikt verantwortlich ist. Wichtig ist, das Kind zu unterstützen, ihm Mut zu machen, zu zeigen, dass es in der Situation nicht allein ist. Mögliche Lösungswege sollten Sie nicht über den Kopf des Kindes hinweg bestimmen, sondern das Kind mit einbeziehen. Es geht auch darum, dass das Mobbing-Opfer die Position der Machtlosigkeit verlässt und aktiv an einer Lösung mitarbeitet.
"Der beste Schutz gegen Mobbing ist ein gutes Selbstwertgefühl", weiß Dietmar Langer. Wenn ein Kind eine emotionale Sicherheit hat, dann könne es auch mal auf die Nase fallen. "Auf Dauer wird es sich die Hänseleien aber nicht gefallen lassen", meint der Psychologe. Fehlt der emotionale Rückhalt, gerät das Kind leichter in die Opferrolle.
Mobbing-Vorfälle müssen öffentlich gemacht werden! Eltern sollten die Schule informieren und mit den Lehrern sprechen - zunächst einmal ohne das Kind. Dabei gilt es ruhig zu bleiben und Schuldzuweisungen an die Lehrer vermeiden. In dem Gespräch muss konkret besprochen werden, wie das Kind vor Übergriffen geschützt werden kann, ohne es bloßzustellen. Wichtig ist, einen engen Zeitrahmen zu setzen. Die Schule ist verpflichtet zu handeln. Am besten halten Sie die Absprachen schriftlich fest. Wenn nichts passiert, können Sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Schulamt einreichen.
Falls die Situation schon völlig verfahren ist, kann ein Schulwechsel der einzige Ausweg sein. Das Kind sollte aber mitentscheiden dürfen, ob es die Schule verlassen möchte.
Ansprechpartner rund um das Thema Mobbing gibt es beim Jugendamt und bei schulpsychologischen Beratungsstellen. Manche Städte haben auch Gewaltpräventionskräfte, an die man sich wenden kann. Wer einen Therapieplatz benötigt, muss mit langen Wartezeiten rechnen.
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