In einer Runde von alltagserfahrenen Experten diskutierte Maybrit Illner über den Münchener Fall und die Frage, wie man sich in Gewaltsituationen, wie der am S-Bahnhof in Solln verhalten soll. Für die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig war dabei die Tatsache, dass niemand dem Opfer von Solln zu Hilfe kam, "ein Zeichen dafür, dass die Zivilgesellschaft gerade dabei ist zu zerfallen".

Die Jugendrichterin war der Meinung, dass Hilfe in einem solchen Fall vor 20, 30 Jahren "eine größere Selbstverständlichkeit" gewesen wäre. Man müsse allerdings auch berücksichtigen, dass solche Situationen heute gefährlicher seien. Gegen die Zeugen der Gewalttat wegen unterlassener Hilfeleistung vorzugehen, hält die Richterin für wenig aussichtsreich. Zwar verpflichte das Gesetz in Notsituationen zur Hilfe, dieser Grundsatz falle aber mit der Zumutbarkeitsklausel in sich zusammen.

Der Publizist Giovanni di Lorenzo betonte, dass sich der verstorbene Dominik Brunner genau so verhalten habe, wie man es sich wünsche, wenn es um die eigenen Kinder gegangen wäre. Er hoffte, dass das Schicksal Brunners aber nun nicht ein Aufruf dafür werde, nicht mehr einzugreifen, wenn Menschen in Bedrängnis geraten. Di Lorenzo betonte, dass es immer schon gewaltbereite Menschen in der Gesellschaft gab. Auch das letzte Jahrhundert sei durchaus "nicht human und schön" gewesen. "Was wir ändern können, sind die Werte, die die Gesellschaft vermittelt", so der Aufruf des Publizisten, der sich seit Jahren für Zivilcourage einsetzt.

Es sei eine Frge des Charakters, wer in Notsituationen Zivilcourage beweisen würde, erklärte auch Gefängnisarzt Joe Bausch. Doch die Charakterbildung läge in der Verantwortung der Gesellschaft. Er habe das Gefühl, dass über Zivilcourage das letzte Mal in den 70ger Jahren diskutiert worden sei und "heute stellen wir fassungslos fest, dass sie weg ist."
Zum Opferschutz gehöre seiner Meinung nach aber auch, Täter frühzeitig "an die Leine zunehmen" und ihnen die Konsequenzen ihrer Gewalt zeitnah zur Tat zu verdeutlichen. Wenn man jedoch Respekt vor den Opfern und nicht nur Rache wolle, dann müsse man nicht nur Geld in Strafverfolgung und Gefängnisse stecken, sondern in Jugendbildung, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

Dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Konrad Freiberg war es wichtig, auf die zahlreichen Beispiele positiver Zivilcourage hinzuweisen. Auch diese Fälle gebe es täglich in Deutschland. Der Fall in München sei das Ergebnis der "Verkettung unglücklicher Umstände". Wäre die Polizei früher vor Ort gewesen, hätten Passanten eingegriffen, hätte sie anders enden können. Er empfahl potentiellen Helfern, in solchen Situationen Gemeinschaft und Öffentlichkeit herzustellen. Ein bestimmtes aber beruhigendes Auftreten könne deeskalierend wirken.

Am Pult trafen im Streitgespräch der Berliner Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und der bayerische Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, Markus Söder (CSU) aufeinander. Dabei sprach sich Ströbele für eine stärkere Präsenz der Polizei im öffentlichen Raum aus. Er halte es "für falsch, dass die Polizeien der Länder in den letzten Jahren fast 10 000 Polizeistellen eingespart haben", sagte Ströbele. Nach dem brutalen Überfall auf Dominik Brunner in Solln forderte Ströbele unter anderem, Polizisten häufiger zu Fuß auf Streife zu schicken und die Praxis personalverwaister Bahnhöfe und S-Bahnhöfe zu beenden.
Für eine härtere Bestrafung jugendlicher Gewalttäter plädierte Söder. Wenn jemand mit 18 oder 19 Jahren Taten wie die von Solln verübe, müsse er nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. In Solln sei ein Mensch zu Tode gekommen, der ganz besondere Zivilcourage gezeigt habe. "Hier geht es auch um die angemessene Reaktion des Staates", sagte der CSU-Politiker.
Konrad Freiberg wunderte sich über diese Aussagen der Politik. Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU und FDP im Land Sachsen, so sein Beispiel, wurden erneut Mittel für die Polizei gekürzt, kritisierte er. Doch schon heute sei durch Personalkürzung und die Vielzahl neuer Aufgaben, für seine Kollegen kaum noch Zeit tatsächlich Präsenz zu zeigen und auf Streife zu gehen.