Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) rechnet offenbar nicht mit einer schnellen Entscheidung der Türkei über die Auslieferung des mutmaßlichen Hauptverdächtigen der tödlichen Prügelattacke auf dem Alexanderplatz. Die türkischen Behörden prüften den Fall eingehend, sagte Heilmann im Verlauf der Sendung. "Das dauert alles ein bisschen länger, als man sich das vorstellt. Wenn ich ihn einfach da abholen könnte, würde ich das wahrscheinlich auch noch selber tun, wenn es sein müsste", sagte Heilmann. Der Senator betonte, er sei überzeugt, dass die Schuldigen an dem brutalen Übergriff gefunden und verurteilt werden. Ob allerdings allen Tatbeteiligten alles auch nachgewiesen werden könne, lasse sich heute noch nicht sagen.
"Es tut mir unendlich Leid, dass wir, die Polizei, nicht da waren"
Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hat sich öffentlich bei der Schwester des auf dem Berliner Alexanderplatz getöteten Jonny K. entschuldigt. Es tue ihm "unendlich Leid, dass wir, die Polizei, nicht da waren, zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, um Ihren Bruder zu beschützen", sagte Wendt in der ZDF-Sendung "maybrit illner" und fügte hinzu: "Ich weiß, dass alle Polizeibeschäftigten in Deutschland so denken." Der tödliche Angriff auf den 20-Jährigen sei zwar leider "keine neue Qualität der Gewalt", aber von einer "Brutalität unfassbaren Ausmaßes" gewesen. Jonny K. habe keine Chance gehabt.Wendt übte auch harte Kritik an der Arbeit der Justiz. Mutmaßliche Tatbeteiligte wieder auf freien Fuß zu setzen, löse bei den Menschen Wut und Empörung aus. Richter seien unabhängig, sollten aber gerade bei juristischen Grenzfällen auf die "fatale Wirkung" solcher Entscheidungen in der Öffentlichkeit und auf die Gefühle der Opfer achten."Wir sind ein Rechtsstaat und kein Richterstaat"
Das nicht zu tun, sei ignorant. "Diese Ignoranz finde ich unerträglich. Und was ich noch unerträglicher finde ist die Arroganz, mit der manche Richter glauben und mit der manche Gerichte wirklich überzeugt sind, sie seien von jeder Kritik freigestellt." Richter seien unabhängig, aber nicht unfehlbar. "Wir sind ein Rechtsstaat und kein Richterstaat", sagte Wendt.Zuvor hatte Tina K., Schwester des von Schlägern am Alexanderplatz in Berlin getöteten Jugendlichen Jonny K., betont, dass sie wenig Verständnis dafür habe, dass der mutmaßlich Tatbeteiligte Onur U. in der Türkei Zeitungsinterviews geben könne. Grundsätzlich sei sie dafür, dass Menschen eine zweite Chance im Leben verdient hätte, der mutmaßliche Täter allerdings nun nicht eine viert oder fünft. Genauso klar betonte Tina K. jedoch auch, dass diese von Intensivtätern begangenen Straftaten sehr differenziert betrachtet werden müssten. Einzelnen Bevölkerungsschichten die Schuld zuzuschieben lehnt sie ab."Opfer werden entwürdigt"
Auch Schauspieler Christian Berkel machte deutlich, dass Opfer in unserer Gesellschaft meist vernachlässigt werden. Opfer sei niemand gerne, denn dies signalisiere Schwäche und Ohnmacht. Ohnmacht aber sei das Gefühl, dem sich niemand gerne aussetze. Würden dann zum Beispiel bei Gerichtsverhandlungen den Tätern erlaubt, zur Unterstützung Familienangehörige mitzubringen, den Opfer aber nicht, dann sei dies entwürdigend. Am End werde so das Ohnmachtsgefühl verstärkt mit staatlicher Unterstützung, kritisierte Brekel.Caglar Budakli alias Challa, war in den 1990er Jahren ein sogenannter Intensivtäter. Heute arbeitet der Rapper mit Jugendlichen in Berlin-Kreuzberg. Er versicherte in der Sendung, dass zu seiner Zeit, niemand grundlos zu schlug. Auch habe man sich hinterher "verständigt". Damals sei er "ein schlechter Mensch gewesen", dem niemand gesagt habe, was er falsch mache. Erst im Gefängnis habe er eine Chance gefunden "an sich zu arbeiten". Heute wolle er die Leute, die an ihn glauben, nicht mehr enttäuschen. "Man will den Schwachen unter sich sehen", sagte Challa zu den möglichen Motiven der jungen Schläger. Er forderte mehr Gelder für Jungendarbeit und mehr "Begleitung" gefährdeter Familien. Dass sich in den letzten Jahren an der Integrationspolitik in Deutschland nichts geändert habe, dass man es versäumt hatte schon die Generation vor ihm zu integrieren, dürfe man den Jugendlichen heute nicht vorwerfen."Kuschel-Justiz bringt nichts"
Ein viel früheres Eingreifen und intensive Betreuung von gewaltbereiten Kindern forderte die Journalistin Güner Balci. Jugendliche Intensivtäter seien meist "verloren". Sie sollte man "wegsperren", damit sie ihre Umgebung nicht terrorisierten. Mit "Kuschel-Justiz" käme man da nicht weiter. Stattdessen sollte der Staat Familien und Eltern unterstützen, deren Kleinkinder bereits im Kindergarten oder der Grundschule auffällig werden. Dort werde jedoch meist weggeguckt - bis es zu spät sei. Zum Schutz der Bevölkerung vor Intensivtäter - von denen es in Berlin allein 500 gäbe - sollten durchaus mehr Polizisten und mehr Überwachungskameras eingesetzt werden. Dies habe nichts zu tun mit "Überwachungsstaat, sondern mit mehr Sicherheit", so Balci.

