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ML mona lisa  |  20.10.2012 

Warum schlagen sie einfach zu?

Jugendliche Gewalttäter

Sie schlagen zu, mit Fäusten oder mit Gegenständen, sie treten zu, aus heiterem Himmel, auf Bahnsteigen, im öffentlichen Raum: Jugendliche Gewalttäter. Ihr Opfer so scheint es, ist dann nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Manche Täter fühlen sich nur durch einen Blick oder ein Wort provoziert, suchen Streit, aus Langeweile oder weil sie betrunken sind. Wie im Rausch treten und schlagen sie, auch wenn ihr Opfer bereits schwer verletzt am Boden liegt. 

Bahnsteig aus Sicht einer Überwachungskamera / Quelle: ZDF

Jugendliche Gewalttäter

Bild einer Überwachungskamera an einem Bahnhof:  Warum rasten manche Jugendliche so aus?

(Quelle: ZDF)

Mit brutaler Gewalt

Immer wieder fügen jugendliche Täter ihren Opfern schwere Verletzungen zu, schlagen, treten, prügeln, manchmal mit tödlichem Ausgang. ML mona lisa fragt nach, wie man solchen Gewaltexzessen entgegenwirken kann.

(20.10.2012)

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass irgendwo in Deutschland wieder jugendliche Gewaltexzesse bekannt werden. Kameras im öffentlichen Raum zeichnen die Taten auf, Bilder in Zeitungen oder im Fernsehen verstören und ängstigen, Jugendliche filmen manchmal mit Handykameras die Taten mit. Auf jeden spektakulären Fall folgt immer wieder die gleichen Reaktionen: Der Ruf nach schärferen Gesetzen, höheren Strafen, null Toleranz den Tätern gegenüber. Der letzte spektakuläre Fall: In Berlin war am frühen Morgen des 15. Oktober 2012 der 20.jährige Jonny K. auf dem Alexanderplatz von Unbekannten zusammengeschlagen worden, er starb am darauffolgenden Tag an den Folgen seiner Kopfverletzungen. Für die Ergreifung der Täter wurde eine Belohnung von 15.000 Euro ausgeschrieben.

Wie steht es um die Opfer?

Gedenken für Jonny am Berliner Alexanderplatz / Quelle: ZDF
Gedenken für Jonny am Berliner Alexanderplatz (Quelle: ZDF)
Die Wahrnehmung der Zunahme von brutaler Gewalt in der Gesellschaft sei nach Einschätzung des Kriminologen Christian Pfeiffer falsch. Dieser Eindruck entstehe vor allem durch die intensivere Berichterstattung in den Medien. Ein Negativereignis kann so den Eindruck erwecken, dass alles schlimmer werde. Auch werde nicht mehr nur der Täter betrachtet, so Pfeiffer, sondern man kümmere sich auch mehr um die Leiden der Opfer und deren Angehöriger. Das bestätigt auch die Statistik: Die Zahlen für Mord, Totschlag und Körperverletzung rückgängig. 2007 war bundesweit das Jahr mit den meisten Gewalttaten, so das Bundeskriminalamt BKA, seitdem sinken die Zahlen bundesweit. Die meisten schweren Körperverletzungen, so die Statistik, kommen in Hamburg, Berlin und Bremen vor. In Berlin etwa sind es 1207 Fälle von Körperverletzung pro 100.000 Einwohner, im bundesdeutschen Schnitt dagegen nur 682 Fälle.

Im September 2011 starb der 23-jährige Giuseppe Marcone aus Berlin, als er am U-Bahnhof Kaiserdamm vor jungen Schlägern flüchtete und auf der Flucht von einem Auto erfasst wurde, das nicht mehr bremsen konnte. Die Täter wurden zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Nach seinem Tod rief seine Familie eine Stiftung ins Leben, zum Dialog und zur Kommunikation für Menschen mit ähnlichen Schicksalen, gegen die alltägliche Gewalt, die jeden treffen kann und anderen Opfern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Fadi Saad / Quelle: ZDF
Fadi Saad (Quelle: ZDF)
Fadi Saad ist heute Quartiersmanager und Streetworker in Berlin Moabit-Ost. Als Jugendlicher war er selbst Mitglied einer Berliner Jugendgang, erst ein Aufenthalt im Jugendarrest gab seinem Leben die Wendung. Zusammen mit dem Polizisten Karlheinz Gaertner hat der das Buch „Kampfzone Straße“ geschrieben, in dem sie beschreiben, welche guten Projekte es gibt, wie man jugendliche Gewalttäter stoppen kann. ML-Autorin Martina Morawietz hat mit ihm gesprochen:

 

 

Interview mit Thomas Mücke

Warum die Brutalität?

ZDF: Wie kann es zu einer derartigen Brutalität von Jugendlichen kommen, haben Sie dafür eine Erklärung?

Fadi Saad: Die Taten mit tödlichen Absichten sind in der Regel organisierte Kriminalität, weniger Jugendgewalt. Und die Situation, wo in einer Prügelei jemand ums Leben kommt, würde ich kaum so einschätzen, dass jemand die Tötungsabsicht hat, sondern in einen gewissen Rausch gerät, so dass es dann zu tödlichen Verletzungen kommen kann. Es ist auch ein Zeichen des Machtgefühls, auf jemanden, der am Boden liegt, weiter einzutreten. Um sicher zu sein: ja, ich habe ihn k.o. geschlagen. Es ist selten so, dass da jemand entlang läuft und sagt, ich suche mir jetzt jemanden und prügle auf den ein. Es spielen da verschiedene Faktoren eine Rolle. Alkohol oder es sind Drogen im Spiel. Oder es ist ein gewisser Gruppendruck, eine Gruppendynamik vorhanden.

Was kann man tun?

ZDF: Was kann man denn überhaupt tun? Außer einer gewissen Ratlosigkeit und so einer Fassungslosigkeit wissen viele Menschen auch nicht weiter?

Fadi Saad: Was sehr stark nachgelassen hat, ist Zivilcourage. Leute schauen einfach weg, sie wollen bewusst nichts mehr gesehen oder gehört haben. Dabei kann jeder etwas tun. Denn heutzutage hat jeder ein Handy. Und das einfachste, zum Beispiel, ist es, die Polizei einfach mal zu alarmieren. Denn man wundert sich immer, warum die nicht kommen, aber meistens ist die nicht informiert.

Drakonische Strafen?

ZDF: Braucht es denn drakonische Strafen?

Fadi Saad: Vor allem sollte man konsequent sein. Ich verstehe auch viele Polizisten, die sehr verzweifelt sind, wenn sie einem Täter hinterher rennen, den auf frischer Tat haben, es gibt genug Zeugen und der Täter lächelt nur und sagt: du, ich komme sowieso schon wieder raus! Und der hat auch Recht, er ist wieder auf freiem Fuß. Was soll denn da noch abschrecken? Ich verstehe auch einige Leute, die dann sagen: warum soll ich helfen? Es passiert doch sowieso nichts! Ich habe nur den Aufwand, als Zeuge zu sein und zu Verhandlungen kommt es erst nach eineinhalb Jahren. Wenn es um Jugendliche geht, kann man nicht nach Monaten kommen und sagen: so mein Freund, kannst du dich noch erinnern? Du hast das und das getan! Das geht nicht, da muss schneller etwas passieren.

Dem Teufelskreis entkommen?

ZDF: Wie schwer ist es für Jugendliche, diesem Kreislauf zu entkommen?

Fadi Saad:Ein Jugendlicher braucht Wertschätzung, diese Anerkennung, die er in der Gruppe erfahren hat. Er braucht den Halt, den es in dieser Gruppe gab. Und er braucht Leute, die ihn auch verstehen. Er braucht einen Ersatz für diese Gang. Und das kann in erster Linie die Familie sein, es können Sportvereine sein oder ähnliches. Aber man kann ihn nicht einfach nur rausholen, irgendwo einsperren und dann hoffen, er wird geheilt.

Ist Optimismus angesagt?

ZDF: Sind Sie denn optimistisch, wenn man sieht, wie desolat Schule und Elternhaus von Jugendlichen sein können?

Fadi Saad: Wir haben so viele Projekte haben, die super laufen, aber es wird ständig etwas Neues ausgeschrieben, ständig werden die Gelder irgendwo anders gegeben. Man darf nicht vergessen: Arbeit im sozialen Bereich basiert auf Vertrauen. Und es geht nicht, indem man immer wieder neue Leute holt. Man muss früh genug ansetzen und vor allem nicht immer nur die Schuld weitergeben. Jede Schule mit der sie reden wird sagen: die Eltern sind schuld. Mit jedem Elternteil, mit dem Sie reden wird sagen: die Schule ist schuld. Wenn Sie mit beiden reden, werden die sagen: die Kita ist Schuld. Die hätte was machen sollen. Immer die anderen also. Aber ich als Quartiersmanager möchte die Leute vernetzen, die Probleme erkennen und die Lösung zusammen finden. Und Sie werden staunen: Wir haben Bolzplätze saniert, die haben nicht einen Kratzer, auch nicht nach fünf Jahren. Weil man den Leuten gezeigt hat: hör zu, das ist dein Platz, ihr könnt hier mitwirken, ihr habt hier alles mit aufgebaut.

Warum "Kampzone Straße"?

ZDF: Sie haben am Buch über die “Kampfzone Straße“ mitgeschrieben. Weshalb?

Fadi Saad: Wir wollten die Sachen zeigen, die wir gut machen. Zu zeigen, dass es sich lohnt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, denn auch das passiert nicht immer. Es gibt Träger oder auch mobile Sozialarbeiter, Straßensozialarbeiter, die nicht mit der Polizei zusammen arbeiten wollen, weil sie sagen, sie verlören so das Vertrauen der Jugendlichen. Wie bekloppt ist das eigentlich? Wir wollten aber auch den Polizisten zeigen: Leute, es lohnt sich, mit sozialen Einrichtungen zusammenzuarbeiten, die sind an der Basis. Mit Polizisten zusammen, mit Schulen und Eltern die Jugendlichen von der Straße zu holen, das beschreiben wir, ohne Schuldzuweisungen.

Prävention

Thomas Mücke / Quelle: ZDF
Thomas Mücke (Quelle: ZDF)
Thomas Mücke ist Anti-Gewalt-Trainer in Berlin und bildet auch selbst Anti-Gewalt-Trainer aus. Im „Violence Prevention Network“ arbeitet er mit gewalttätigen Jugendlichen bereits innerhalb von Vollzugsanstalten, bei denen sie sich mit der konkreten Tat auseinandersetzen müssen und im Trockentraining lernen, mit Situationen, die zur Gewalttat führen, umzugehen und Verantwortung für sich zu übernehmen. Sie werden auch noch ein Jahr nach der Entlassung aus dem Gefängnis betreut werden. Die intensive Arbeit macht sich bezahlt: Bei den Jugendlichen, die das Programm durchlaufen, so Mücke, kommt es zu sehr geringen Rückfallquoten von etwa 14 Prozent, im Gegensatz zu fast 90 Prozent Rückfallquoten von Jugendlichen im Gefängnis, die nicht in speziellen Programmen betreut werden.

Interview mit Thomas Mücke

Gibt es eine Tötungsabsicht?

ZDF: Steckt hinter brutaler Jugendgewalt eigentlich auch die Absicht, jemanden zu töten?

Thomas Mücke:Es ist zumindest die Absicht, die allergrößte Macht über das Opfer zu haben und die Tötung mit einzukalkulieren. Ob es passiert oder nicht, ist dem Menschen dann egal. Erschreckend ist die brutalisierte Art und Weise, aber ob sie neu ist, würde ich bezweifeln. Ich kenne diese Diskussion seit 25, 30 Jahren, es heißt die Täter werden immer jünger, die Täter werden immer brutaler. Und das ist nicht so. Wir haben allerdings seit vielen Jahren ein hohes Problem mit Jugendgewalt, weil sich ein Teil dieser Jugend sich nicht einmal als Teil dieser Gesellschaft versteht. Und dann zu einer Identität greifen, auf die sie aufmerksam machen wollen, indem sie Stärke demonstrieren wollen. Gewalt gehört als Ausdrucksmittel dazu.

Wichtig bei der Prävention?

ZDF:Was kann man dem im Bereich der Prävention entgegensetzen?

Thomas Mücke:In der Prävention kann man vieles machen, vor allem weil die Frühwarnzeichen sehr früh angesetzt sind. Man spürt mit neun oder zehn Jahren, dass diese Jugendlichen schnell zu Gewaltmustern greifen. Das Problem ist eher, dass die Gesellschaft nichts mit diesen Jugendlichen zu tun haben will, sondern auf andere Institutionen verweist und keiner sich der Sache wirklich annimmt. Aber leider ist es so, dass man wirklich sehr spät abwartet, bis man konkret ansetzt, mit diesen Jugendlichen ganz konkret zu arbeiten. Das wichtigste bei den gefährdeten Jugendlichen ist es, Beziehungen zu ihnen aufzubauen, möglich früh. Wir haben hier zum Beispiel in den Großstädten kaum noch offene Kinder- und Jugendarbeit, wo sie auf erwachsene Personen treffen, die Interesse zeigen und bereit sind mit ihnen Veränderungsprozesse einzugehen. Wir brauchen aber auch mehr Angebote im schulischen Bereich, weil sich da ja auch die Probleme zeigen. Mit Kurzzeitpädagogik kommt man da nicht weiter. Man braucht langfristige Arbeitsprozesse, und dann kann man einiges verhindern. Täterarbeit ist deswegen auch wichtig, weil es zukünftige Opfer verhindert

Gibt es eine mediale Erhöhung?

ZDF: Ist Berlin prädestiniert als Hauptstadt der Gewalt? Oder ist das so eine mediale Erhöhung?

Thomas Mücke: In Großstädten ist es schon so, dass bei einem Teil der jungen Generation die Stimmung aggressiv ist. Das hat was damit zu tun, dass soziale Gegensätze vorhanden sind. Und die Jugendlichen nicht mehr das Gefühl haben, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Sie haben sich praktisch aufgegeben, wissen nicht, wo ihr Platz in dieser Gesellschaft sein wird und haben Schwierigkeiten, eine eigene Identität zu entwickeln. Dann greifen sie auf etwas zurück, was ihnen etwas geben kann, wo man sagen kann, das bin ich. Und das sind Gewaltidentitäten, das sind Restidentitäten, wie auch Männlichkeitsbilder, die radikalisiert werden. Auch die nationale Zugehörigkeit wird radikalisiert. Das ist immer verbunden mit Feindbilddenken. Und das nimmt dort zu, wo Menschen das Gefühl haben, sie sind soweit ausgegrenzt, dass sie keine weiteren Chancen haben. Das ist in manchen Großstädten natürlich eher vorhanden als anderswo.

Und noch ein Lesetipp zum Thema:

Karlheinz Gaernter und Fadi Saad:
Kampfzone Straße: Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen
Erschienen im Herder-Verlag, 2012
Anfangs stehen sie sich feindlich gegenüber: Hier der Berliner palästinensischer Herkunft, Mitglied einer traßengang. Dort der Berliner Polizist, der Hassgegner schlechthin. Doch es passiert das Unglaubliche: Aus Konfrontation wird die gemeinsame Suche nach Lösungen, aus Gegner werden Freunde. Ein besonderer Einsatz gegen Jugendgewalt ist die Folge.

20.10.2012, Quelle: ZDF, mit Material von epd

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